Die moderne Medizin macht vieles möglich, was vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar schien. Menschen mit schwersten Erkrankungen, die dauerhaft beatmet werden müssen oder auf komplexe Medikation angewiesen sind, können heute weitgehend stabil leben. Doch die Technik ist nur die eine Seite der Medaille. Damit die Therapie gelingt und das Leben lebenswert bleibt, braucht es eine professionelle Pflege, die den Spagat zwischen Hochleistungsmedizin und häuslicher Geborgenheit meistert. Für de-apo.de haben wir mit Nicole Tobias gesprochen. Als Gründerin des gleichnamigen Pflegedienstes mit über 50 Standorten weiß sie genau, worauf es ankommt, wenn das Wohnzimmer zur Intensivstation wird – und warum Zeit dabei der wichtigste Wirkstoff ist.
Wenn Hightech ins Wohnzimmer einzieht
de-apo.de: Frau Tobias, Ihre Mitarbeiter betreuen Menschen, die oft auf eine Vielzahl von Medikamenten und medizinischen Geräten angewiesen sind. Für Laien klingt „außerklinische Intensivpflege“ oft abstrakt. Was bedeutet das konkret für den Alltag Ihrer Patienten?
Nicole Tobias: Es bedeutet vor allem, dass wir eine Sicherheit schaffen, die sonst nur im Krankenhaus möglich wäre – aber eben in den eigenen vier Wänden oder in unseren Wohngruppen. Unsere Klienten sind oft beatmungspflichtig, haben ein Tracheostoma oder benötigen eine komplexe Pharmakotherapie rund um die Uhr. Die Herausforderung besteht darin, diese medizinische Notwendigkeit so in den Alltag zu integrieren, dass sie nicht das ganze Leben dominiert. Technik und Medikamente sind lebenswichtig, aber sie dürfen nicht den Rhythmus bestimmen. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, nicht die Maschine.
de-apo.de: Das Thema Medikamentensicherheit ist auch für Apotheken zentral. Wie stellen Sie sicher, dass in der häuslichen Umgebung alles glattläuft?
Nicole Tobias: Das gelingt nur durch hochqualifiziertes Personal und – das ist mein wichtigstes Anliegen – durch Zeit. In der Hektik entstehen Fehler. Wenn eine Pflegekraft im Minutentakt von Patient zu Patient eilt, steigt das Risiko, dass bei der Medikamentengabe etwas übersehen wird. Bei uns gilt ein anderes Prinzip: Kein Gehetze. Unsere Mitarbeiter sind oft über viele Stunden, manchmal 12 oder 24 Stunden, bei einem Patienten. Sie haben die Ruhe, Medikamente vorzubereiten, Wirkungen zu beobachten und bei Unklarheiten Rücksprache mit Ärzten oder der versorgenden Apotheke zu halten. Diese Entschleunigung ist unser wichtigstes Sicherheitsnetz.
Selbstbestimmung als Therapieerfolg
de-apo.de: Sie betonen oft den Unterschied zwischen „satt und sauber“ und echter Lebensqualität. Wo zieht Ihr Pflegedienst da die Grenze?
Nicole Tobias: „Satt und sauber“ ist für mich das absolute Minimum, aber nicht unser Anspruch. Wir wollen, dass unsere Patienten leben und nicht nur existieren. Das fängt bei der Selbstbestimmung an. Im Krankenhaus gibt es starre Visitenzeiten und Essenspläne. Bei uns gibt der Klient den Tagesablauf vor. Wenn jemand, der beatmet wird, bis 10 Uhr schlafen möchte, dann ermöglichen wir das. Wir wecken niemanden um 7 Uhr, nur weil es im Dienstplan steht. Diese Freiheit ist psychologisch enorm wichtig. Wer sich selbstbestimmt fühlt, ist oft auch therapietreuer und psychisch stabiler. Das wirkt sich positiv auf den gesamten Gesundheitszustand aus.
de-apo.de: Das erfordert aber eine enorme Flexibilität von Ihren Mitarbeitern. Wie nehmen diese das auf?
Nicole Tobias: Unsere Mitarbeiter schätzen das sehr, denn es nimmt auch ihnen den Druck. Niemand arbeitet gerne gegen den Willen eines Patienten. Wenn wir den „Klinikstress“ draußen lassen, entsteht eine Atmosphäre, in der Pflege wieder Beziehungsarbeit sein kann. Viele Kollegen, die aus dem klassischen Stationsalltag zu uns kommen, atmen erst einmal auf. Sie merken: Hier kann ich meinen Beruf so ausüben, wie ich ihn mal gelernt habe – mit Sorgfalt und Zuwendung.
Versorgungssicherheit durch starke Netzwerke
de-apo.de: Ein Thema, das viele unserer Leser umtreibt, ist die Versorgungssicherheit. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit Partnern wie Apotheken und Sanitätshäusern für Ihre Arbeit?
Nicole Tobias: Die ist essenziell. Wir sind das Bindeglied. Unsere Pflegekräfte erkennen vor Ort den Bedarf – sei es neues Verbandsmaterial, Sondennahrung oder eine Anpassung der Medikation. Wir arbeiten eng mit den verordnenden Ärzten und den liefernden Apotheken zusammen, um Leerläufe zu vermeiden. Gerade bei Intensivpatienten kann ein fehlendes Ersatzteil für das Beatmungsgerät oder ein nicht lieferbares Medikament schnell kritisch werden. Deshalb brauchen wir verlässliche Partner und Mitarbeiter, die vorausschauend denken.
Die „Bärenfamilie“: Ein Schutzraum für Kinder
de-apo.de: Neben der Erwachsenenpflege betreuen Sie an Standorten wie Berlin und Dresden auch schwerstkranke Kinder in der sogenannten „Bärenfamilie“. Was macht diesen Bereich so besonders?
Nicole Tobias: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie brauchen eine ganz andere Ansprache und auch eine andere medizinische Überwachung. In der „Bärenfamilie“ geht es darum, trotz schwerer Krankheit Kindheit möglich zu machen. Unsere Mitarbeiter begleiten in die Schule, in den Kindergarten oder sogar in den Urlaub. Für die Eltern ist das eine unglaubliche Entlastung. Sie müssen nicht mehr 24 Stunden am Tag Pfleger sein, sondern können wieder Eltern sein. Wir übernehmen die medizinische Verantwortung, damit Zeit zum Kuscheln und Spielen bleibt. Das ist oft sehr emotional, aber auch unglaublich erfüllend. Wir lieben, was wir tun, und bei den Kindern bekommt man diese Liebe unmittelbar zurück.
Karrierechancen in der Wachstumsbranche
de-apo.de: Der Bedarf an Intensivpflege wächst, und Sie suchen an vielen Standorten, etwa in Radeberg, Mahlow oder Berlin, nach Verstärkung. Was muss eine Pflegekraft mitbringen, um in Ihr Team zu passen?
Nicole Tobias: Das Fachexamen ist die Eintrittskarte, das ist klar. Aber viel wichtiger ist die Haltung. Wir suchen Menschen, die verstehen, dass Pflege mehr ist als das Bedienen von Maschinen. Wer Angst vor der Technik hat, dem können wir helfen – wir haben tolle Mentoren und Einarbeitungskonzepte. Aber Empathie kann man nicht lernen. Wer bereit ist, sich auf eine intensive Beziehung zum Patienten einzulassen und Verantwortung zu übernehmen, der findet bei uns einen krisensicheren und erfüllenden Arbeitsplatz. Und ganz ehrlich: Die Arbeitsbedingungen mit Zeit für den Menschen sind ein Argument, das viele überzeugt.
Ein Blick in die Zukunft
de-apo.de: Abschließend eine Frage zur Zukunft: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die häusliche Intensivpflege in den nächsten Jahren?
Nicole Tobias: Die Herausforderung wird sein, die Qualität hochzuhalten, auch wenn der Kostendruck im Gesundheitswesen steigt. Wir werden uns weiterhin dafür stark machen, dass Pflege keine Fließbandarbeit wird. Jeder Patient hat das Recht auf Würde und individuelle Betreuung. Dafür kämpfen wir – gegenüber Kostenträgern, aber auch durch unsere tägliche Arbeit. Wir wollen zeigen, dass es anders geht: Menschlich, kompetent und mit Herz.
de-apo.de: Frau Tobias, wir danken Ihnen für dieses offene Gespräch.
Über den Pflegedienst Nicole Tobias:
Seit 2008 bietet das Unternehmen spezialisierte außerklinische Intensivpflege für Erwachsene und Kinder an. Mit einem Netzwerk aus ambulanten Diensten und Wohngruppen in Sachsen, Brandenburg, Berlin, Thüringen und Sachsen-Anhalt gehört es zu den führenden Anbietern in der Region. Der Fokus liegt auf einer ganzheitlichen Versorgung, die medizinische Sicherheit mit maximaler Selbstbestimmung verbindet.
Interessiert an einer Versorgung oder einem Job mit Sinn?
Informieren Sie sich unter www.pflege-tobias.de oder bewerben Sie sich direkt an den Standorten Radeberg, Mahlow, Strausberg und Berlin.